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Schnittstellen scheitern selten an APIs

Thomas Grafenau30. Juni 202610 Min. Lesezeit

Eine REST-API anzubinden hat in einem Projekt zwei Tage gedauert. Die Klärung, wer nachts den falschen Datensatz korrigiert, drei Monate. Das ist keine Übertreibung, um einen Punkt zu machen, sondern die normale Verteilung in Schnittstellenprojekten: Die Technik steht schnell, und dann steht das Projekt. Nicht weil etwas nicht funktioniert, sondern weil niemand entschieden hat, wer geradesteht, wenn die Gegenseite sich anders verhält als gestern.

Wenn im Mittelstand von einer Schnittstelle die Rede ist, denken alle an dasselbe Bild: zwei Systeme, ein Pfeil dazwischen, Daten fließen von links nach rechts. Der Geschäftsführer hört „die beiden reden jetzt miteinander“ und hakt den Punkt ab. Der Fachbereich hört „dann muss ich nicht mehr abtippen“. Und der IT-Leiter hört etwas anderes, weil er weiß, dass der Pfeil das Einfache ist. Der Pfeil ist in zwei Tagen gebaut. Was nicht in zwei Tagen geklärt ist, steht nirgends auf dem Pfeil.

Warum die API der harmlose Teil ist

Moderne Systeme machen die reine Anbindung fast langweilig. Es gibt eine dokumentierte REST-API, ein paar Endpunkte, eine Authentifizierung, ein Datenformat. Das liest sich ein erfahrener Entwickler an einem Vormittag an und hat am nächsten Tag den ersten Datensatz übertragen. Genau dieser frühe Erfolg ist die Falle: Er erzeugt das Gefühl, das Projekt sei zu achtzig Prozent fertig, obwohl die schwierigen achtzig Prozent noch gar nicht angefangen haben.

Denn eine Schnittstelle ist kein einmaliger Transport. Sie ist eine Beziehung zwischen zwei Systemen, die über Jahre läuft, und Beziehungen scheitern nicht am ersten Tag. Sie scheitern an dem Tag, an dem sich eine Seite ändert, ohne die andere zu fragen. Ein Feld wird umbenannt. Ein Pflichtfeld wird optional. Ein Datumsformat wechselt von Tag-Monat auf Monat-Tag, und ab dem fünfzehnten des Monats fällt es niemandem mehr auf, weil bis dahin beide Lesarten plausibel aussahen.

Die API ist selten das Problem. Die Verantwortung ist es.

Das Projekt, das an einer offenen Frage hing

In einem unserer Projekte sollten ein Warenwirtschaftssystem und ein neues Versandtool gekoppelt werden. Aufträge raus, Sendungsstatus rein, zweimal täglich ein Abgleich der Lagerbestände. Die technische Aufgabe war überschaubar: beide Seiten hatten eine API, die Feldzuordnung war an einem Nachmittag skizziert, der erste echte Auftrag lief nach zwei Tagen sauber durch. Auf dem Statusbericht stand grün.

Dann kam der erste Datensatz, der nicht passte. Ein Auftrag mit einer Lieferadresse, die im Versandtool an der Zeichenlänge scheiterte — ein Straßenname mit Zusatz, der im Warenwirtschaftssystem seit Jahren erlaubt war und jenseits einer bestimmten Länge im neuen System einfach abgeschnitten wurde. Das Paket wäre an eine halbe Adresse gegangen. Die Schnittstelle hat den Fehler korrekt gemeldet. Nur: an niemanden, der zuständig war.

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