Zurück zum Blog Softwareentwicklung

Die letzte Meile

Thomas Grafenau18. August 202611 Min. Lesezeit

Euer Prototyp läuft. Glückwunsch — ihr habt gerade die billigste Anforderungsanalyse eures Lebens gemacht. Das meine ich ohne Ironie: Wer in wenigen Tagen eine klickbare Version dessen baut, was bisher nur als Wunsch im Kopf des Fachbereichs existierte, hat in dieser Woche mehr über den eigenen Prozess gelernt als in drei Workshops davor. Der Prototyp ist nicht das Problem. Er ist das Beste, was am Anfang eines Vorhabens passieren kann. Nur kommt jetzt der teure Teil, und der sieht von außen aus wie der Rest — dabei ist er die eigentliche Arbeit.

Die Ausgangslage hat sich verändert, und das ist eine gute Nachricht für jeden IT-Leiter. Moderne KI- und Low-Code-Werkzeuge machen es heute leicht, in Tagen eine Maske, einen Ablauf, ein paar Testdaten zusammenzustellen. Der Fachbereich baut sich etwas mit einem KI-Tool, ein Werkstudent klickt eine Low-Code-Oberfläche, oder Sie selbst probieren an einem ruhigen Nachmittag aus, ob die Idee überhaupt trägt. Plötzlich kann man sehen, anfassen, durchklicken. Und genau in diesem Moment passiert beim Betrachter etwas, das später viel Geld kostet: Die Geschäftsführung sieht es laufen und denkt, das sei fast fertig.

Warum der Prototyp trotzdem ein Gewinn ist

Bevor wir über den teuren Teil reden, gehört der billige gewürdigt — weil er die halbe Miete ist und viel zu selten genutzt wird. Solange ein Prozess nur beschrieben wird, bleibt er weich. Jeder nickt im Meeting, jeder meint etwas anderes, und die teuren Missverständnisse kommen erst im Betrieb ans Licht, wenn das System schon gebaut ist. Sobald aber ein Prototyp existiert, kippt das. IT-Leiter und Fachabteilung klicken sich durch und merken sofort, was sie wirklich brauchen — und was sie zu brauchen geglaubt haben.

Der Sonderfall, den im Workshop keiner erwähnt hat, fällt beim dritten Klick auf. Die Annahme, die in Wahrheit falsch war, fällt auf. Der Aufwand, den alle unterschätzt haben, wird sichtbar, weil man ihn jetzt anfassen kann. Ein Prototyp führt die Diskussion an einem konkreten Gegenstand statt an Vermutungen. Das ist die ehrlichste Anforderungsanalyse, die es gibt, und sie kostet ein paar Tage statt eines halben Projekts. Mein Rat an jeden IT-Leiter, der das liest: Baut den Prototyp ruhig selbst. Lasst euch davon nicht abhalten. Ihr versteht in drei Tagen euren eigenen Prozess besser als in drei Workshops.

Bau den Prototyp selbst. Die letzte Meile baue ich.

Wo die letzte Meile anfängt

Der Prototyp ist nicht das Produkt. Zwischen „läuft auf meinem Rechner mit 20 Testdatensätzen“ und „läuft im Betrieb mit 15.000 echten Datensätzen“ liegt eine Welt, und sie ist von vorne nicht sichtbar. Das ist die letzte Meile: das produktionsreife, sichere, wartbare Fünftel, das vier Fünftel der Mühe kostet. Es ist nicht das, was man im Termin sieht. Es ist das, was am Montagmorgen geradesteht, wenn der nächtliche Importer um drei Uhr gestolpert ist.

In einem unserer Projekte hatte der Fachbereich einen klickbaren Prototyp für eine Lieferantenbewertung gebaut. Eine saubere Maske, ein nachvollziehbarer Ablauf, in elf Sekunden durchgeklickt — mit 25 handverlesenen Testdatensätzen. Die Geschäftsführung war überzeugt, das Ding sei fast fertig. Dann haben wir uns angesehen, was zwischen diesem Stand und dem echten Betrieb lag, und die Liste war länger als der Prototyp selbst. Nicht weil jemand schlecht gearbeitet hatte, sondern weil der Prototyp genau das nie zeigen sollte. Er zeigt den Idealfall. Der Betrieb besteht aus den anderen Fällen.

Aus den 25 sauberen Testdatensätzen wurden rund 14.000 echte, gewachsen über Jahre, mit drei Schreibweisen desselben Lieferanten, mit leeren Pflichtfeldern und mit Bewertungen aus einer alten Excel-Datei, die jemand übernehmen wollte. Die Maske, die im Prototyp jedem alles zeigte, brauchte plötzlich ein Rechtemodell: Der Einkauf darf bewerten, die Geschäftsführung darf alles sehen, der Lieferant selbst nichts. Es kam eine Schnittstelle zum ERP dazu, deren Doku eine Feldzuordnung versprach, die in der Realität anders aussah. Und es kam die Frage, die der Prototyp nie stellt: Was passiert, wenn ein Import nachts zur Hälfte durchläuft?

Der vollständige Beitrag steht in der PDF

Praxis-Schrift · gebrandet

KI für dein Unternehmen

Ihr habt einen konkreten Fall? Wir ordnen ihn ein — ohne Verkaufsgespräch.

Beschreib kurz, worum es bei euch geht. Thomas schaut sich an, ob und wie die letzte Meile zur produktionsreifen Lösung bei euch machbar ist — eine ehrliche technische Einschätzung, kein Pitch.

Kein Newsletter, kein Verteiler. Nur eine Antwort auf deine Anfrage.